Die Geschichte des Rhein-Herne-Kanals
Als im Sommer 1989 die neue Großschleuse Henrichenburg in Betrieb genommen wurde, nahm neben dem modernen Schubverband "Mathias Stinnes" auch ein alter Dampfschlepper an den Eröffnungsfeierlichkeiten teil, der an seinen Heck in weißen Buchstaben den Heimathafen Herne zeigte und somit auch auf die Bedeutung dieser Stadt für die Kanalschiffahrt hinwies. Es war die 1909 gebaute "Teniers", die heute als fahrendes Museumsschiff zum Bestand des Westfälischen Industriemuseums in Dortmund gehört.
Dieses Zusammentreffen von Vergangenheit und Moderne, von Schubverband und Dampfschlepper mag Anlaß genug sein, um auf die Geschichte einer bedeutenden Wasserstraße hinzuweisen, die aufgrund der zur Zeit laufenden Modernisierung ihr Gesicht verwandeln wird. Es handelt sich um den Rhein-Herne-Kanal, dem, obwohl im Vergleich zu den anderen Bundeswasserstraßen relativ kurz eine so große Bedeutung zugemessen wurde, daß er schon bald nach seiner Eröffnung als Ruhrkohlenkanal oder gar "Schlagader des Ruhrgebiets" bezeichnet wurde.

Planungen und Projekte
Die Idee, über einen Kanal durch die Emscherniederung eine Verbindung Westfalens mit dem Rhein und dem niederländischen Wasserstraßennetz herzustellen, hat eine lange Tradition. Der erste dieser Pläne stammt aus dem Jahre 1724. Als Initiator dieses Projektes zeichnete sich Clemens August, Kurfürst von Münster, verantwortlich. Sein Vorhaben wurde jedoch ebensowenig verwirklicht wie zahlreiche anderer Pläne in den nächsten Jahrzehnten.
Während der industriellen Revolution wurde der Weg gesucht auf dem man die nun verstärkt anfallenden Massengüter, vor allem Kohle, am besten und kostengünstigsten transportieren konnte. Männer wie Friedrich Harkort griffen schließlich die alten Kanalbaupläne wieder auf 1863 wurden zwei Linienführungen eines Verbindungskanals zwischen Rhein und Weser vorgeschlagen, von denen eine schließlich verworfen wurde, da sie unter anderem eine Untertunnelung (!) des Teutoburger Waldes vorsah. Der veränderte zweite Vorschlag führte nach heftigen parlamentarischen Auseinandersetzungen schließlich zum Bau des Dortmund-Ems-Kanals, der am 11.8.1899 von Kaiser Wilhelm II feierlich eingeweiht wurde.
Der "Stichkanal" nach Herne, der eigentlich die Weiterführung der Kanaltrasse in Richtung Rhein darstellt, wurde 1893-1896 gebaut und endete an der heutigen Bahnhofstraße. Die Zeche "Friedrich der Große" legte einen eigenen Werkshafen an. 1937 wurde der durch Bergschäden stark mitgenommene Stichkanal stillgelegt, am 2.1.1938 wurde das Wasser abgelassen.

Kanalbau und Kriegsbeginn
Nach Fertigstellung des Dortmund-Ems-Kanals dauerte es noch geraume Zeit, bis die Verbindung des Reviers mit dem Rhein in Angriff genommen werden konnte, da das diesbezügliche Gesetz erst am 1.4.1905 verabschiedet wurde. Die Kanalarbeiten auf Herner Gebiet begannen am 1.5.1909. Zeitweilig wurden drei Bagger und 200 - 250 Leute auf der Baustelle eingesetzt. Viele der Arbeiter kamen aus dem Ausland. Sie wohnten in einem eigens eingerichteten Kanalarbeiterquartier im Herner Norden. Der Kanal wurde auf einer Tiefe von 3,5 Metern ausgebaggert. Schon in der Planung und Bauausführung wurde den durch Bergbausenkung entstehenden Problem Rechnung getragen. Die Bergpolizeiverordnung vom 3.6.1909 schrieb vor, daß der Bergbau innerhalb einer Zone von 300 Metern, vom Mittelpunkt des Kanals aus gemessen, nur mit Bergversatz betrieben werden dürfte. Die beim Abbau entstehenden Hohlräume mußten also sofort wieder aufgefüllt werden. Trotzdem ließen sich Bergsenkungen in der Folgezeit nicht vermeiden. Sie betrugen an manchen Stellen bis zu 12 Metern.
Der Rhein-Herne-Kanal verbindet Herne mit Duisburg-Ruhrort und hat eine Länge von 37 Kilometern, wobei der Duisburger Hafenkanal, der dann letztendlich die Verbindung zum Rhein herstellt, nicht berücksichtigt ist. Mit Hilfe von sieben Schleusen von denen die Schleuse 5 auf Wanne-Eickeler und die Schleusen 6 und 7 auf Herner Gebiet liegen, überwindet der Kanal einen Höhenunterschied von 36 Metern. Die Baukosten des Kanals waren mit einer Summe von 70 Millionen RM relativ hoch, was daran lag, daß der Kanal mitten durch das Industriegebiet gebaut wurde, und die Grunderwerbskosten dementsprechend hoch waren.
Am 13.4.1914 befuhr eine Kommission mit einem Regierungsdampfer erstmalig den fertiggestellten Kanal. Das Mittagsmahl nahmen die Herner im Herner Hotel Schmitz ein. Am 6.7.1914 schließlich führten die vier Schiffe "Sleipner", "Thalia", "Helene" und " Vesalia" eine erfolgreiche Probefahrt durch. Am 17.11.1914 wurde der Kanal für den Verkehr freigegeben. Die offizielle Eröffnung sollte am 16.7.1915 stattfinden. Eine ministerielle Kommision reiste aus Berlin an, um den feierlichen Eröffnungsakt zu vollziehen, entschloß sich aber dann aufgrund der politischen Ereignisse, der Erste Weltkrieg war im vollen Gange, unverrichteter Dinge wieder abzureisen.
Aufgrund der Mobilmachung und der daraus resultierendem überlastung der Eisenbahn wurde bereits 1915 über 3 Millionen Tonnen Ladung auf dem Rhein-Herne-Kanal transportiert, 1918 war es schon die dreifache Menge. Den Ersten Weltkrieg überstanden die Kanalanlagen weitgehend unbeschädigt, nicht jedoch die Besetzung des Ruhrgebiets durch die französiche Armee. Am Morgen des 7.April 1923 sprengte die Untergrundgruppe "Heinz" bei Henrichenburg den Stichkanal nach Herne. Innerhalb weniger Stunden lief der Kanal aus. Der Herner Hafen lag trocken, Schleuse 7 mußte den Betrieb einstellen, Zahlreiche Kohlenkähne kippten im Kanalbett um. Der transport von Kohlen und anderen Reparationsgütern wurde lange Zeit empfindlich gestört, denn die Teilstrecke war erst nach drei Monaten wieder befahrbar. Der Kanal wurde zum Sperrgebiet erklärt. Als Hauptdrahtzieher dieses und anderer Sabotageakte wurde Albert Leo Schlageter am 25.6.1923 von den französischen Besatzungstruppen standrechtlich erschossen. Später feierten ihn die Nationalsozialisten als Märtyrer.

Freizeit
Neben der wirtschaftlichen Bedeutung sollte man auch den Freizeitwert des Kanals berücksichtigen. Schon während des Baus wurde an beiden Seiten Wege angelegt, die zwar als "Leinpfade" Bezeichnet, zum Treideln aber nie benutzt wurden. Auch heute noch werden diese Wege als Wander- und Radwege benutzt. Dem Wassersport bietet er ideale Trainingsbedingungen. Auch die Schrebergärten an seinen Ufern sollten nicht vergessen werden.

Quelle: "Nichts ist so schön wie..." von Frank Braßel / Michael Clarke / Cornelia Objartel-Balliet (Hg) Verlag. Klartext.
