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" Anne Seltersbude, für zehn Pfennig Gemischtes"
von Heinrich Lührig

Sie sind aus dem Ruhrgebiet nicht weg zu denken, die Trinkhallen, Kioske, Verkaufshallen oder Kleinshops. Ihren Ursprung verdanken sie alle der Milch- und Seltersbude, sie war lang typisch für das Ruhrgebiet. Früher hatten diese Seltersbuden, die häufig in der Nähe von Zechen, größeren Betrieben und in Arbeiterviertel standen, Versorgungsfunktionen, eine Verkaufseinrichtung im "Mini-Format", die ihre Berechtigung auch nach weit über 100 Jahren ihres Bestehens nicht verloren hat.

Seltersbuden sind ebenso wenig aus unserer Region wegzudenken, wie die Industriedenkmäler, die diese Landschaft geprägt hat, sie stellen heute eine Art Lebensqualität dar und sind für Viele ein Stück Heimat geworden.

Mineralwasserfabrikanten waren es, die wahrscheinlich um 1850 die erste Trinkhalle des Ruhrgebiets aufstellten, um ihren Absatz an Getränken zu fördern. Zechen und Betriebe stellten oftmals Grundstücke kostenlos oder zumindest recht preiswert für ein Büdchen zur Verfügung. Eine Initiative der damaligen Fabrikbesitzern, um dem immensen Alkoholkonsum vieler Arbeiter Einhalt zu gebieten. Alkoholische Getränke waren um die Jahrhundertwende recht billig und wurden dementsprechend gerne und viel vor dem Weg nach Hause getrunken.

Trinkhallen schossen damals überall aus dem Boden. Die Firma Wiehe in Essen sowie die Firma Voigt aus Gelsenkirchen betrieben regelrechte Ketten von Trinkhallen die alle in grün gestrichen waren. Neben Knickerwasser (Brause mit Geschmack, funktionierte mit einem Knicker, einer gläsernen Murmel, der raffinierte Flaschenverschluss war hier Namengeber) wurden Zigarren, Zigaretten (Marke "Orienta"), Milch, Soleier und Klümkes (Bonbons), was den Buden bei Kindern eine weitere Beliebtheit einbrachte, angeboten. Im Jahre 1900 zählte man an die 500 Trinkhallen im ganzen Ruhrgebiet.



 Aus der Zeit um 1880/1890 stammt auch die Trinkhalle, die ein Mineralwasser-Fabrikant an der Gelsenkirchener Straße in Höhe der Straße Am Mühlenbach aufstellte. Sie befindet sich heute im Besitz des Wanne-Eickeler Heimatmuseums. Vor allem die Figur auf dem Satteldach, die Glücksgöttin Fortuna, blieb bei vielen Museumsbesuchern weit über Wanne-Eickel hinaus in Erinnerung.

Rund 16000 Trinkhallen existieren heute im Ruhrgebiet. Kindheitserinnerungen werden beim Anblick alter Holzbuden wach: wie oft trug ich für meinen Vater in der Einkaufstasche ein paar Flaschen Bier, gekauft an der Seltersbude um die Ecke. Viele aus unserer Nachbarschaft waren hier Stammkunden, kauften neben dem Bier auch Zigaretten und Zeitschriften. Aber ganz besonders treue Stammkunden waren wir Kinder.

Ich sehe sie noch vor mir, die Glasbehälter mit den herrlichen Süßigkeiten links und rechts vom Schiebefenster, und wie meine Freunde konnte auch ich mich nie für eine Sorte Bonbons oder Lakritze entscheiden.

"Für 10 Pfennig Gemischtes", verlangte ich deshalb, der Budenbesitzer griff in die verschiedenen Gläser, zählte ein paar Drops in die Tüte, etwas Lakritz, einen "Salino" und zwei oder drei Himbeerbonbons, die beim Lutschen scharfe Kanten bekamen und den Gaumen aufreißen konnten. Nach manch großem Straßengekicke "zwei Ecken ein Elfer", kauften wir uns, wenn wir noch Geld hatten, eine Flasche Brause mit Waldmeistergeschmack oder, wenn wir knapp bei Kasse waren und unsere Eltern und Omas trotz Bettelei nichts weiter rausrücken wollten, eine Stange Lakritz. Dann füllten wir eine Flasche mit Leitungswasser, steckten die Lakritzstange hinein, schüttelten kräftig und ließen das Gesöff eine halbe Stunde lang ziehen.

Irgendwann brach die Sammelleidenschaft mit den Fußballbildern aus. Die Wundertüte zu 10 Pfennig enthielt: ein bisschen Puffreis und vor allem zwei Bilder von Fußballspielern. Wir haben gekauft und getauscht, bis wir sie zusammen hatten die Fußballidole unserer Kindheit: Manfred Kreuz, Fritz Walter, Uwe Seeler, Willi Schulz, Horst Szymaniak und den Torwart von Westfalia Herne Hans Tilkowski. Unvorstellbar, meine Kindheit ohne diese Fußballbilder, ohne das Lakritzwasser und die Tüte Gemischtes, später kamen Lutschmuscheln zu 10 Pfennig hinzu.

Fuhr ich mit meinen Eltern mit der Linie 6 nach Bochum, starrte ich am Haltepunkt Zeche Hannibal auf einen Bretterschlag mit seitlicher Sitzgelegenheit, ein Brett über zwei Bierkästen. Hier hörte man oft das Palaver der Bergleute nach Schichtende, roch das Gemisch aus Zigarettenqualm und Bierdunst. Warum sitzen sie da, dichtgedrängt am Kiosk, auf Holzbrettern, wo sie es doch in einer Kneipe viel gemütlicher hätten dachte ich oft? Aber vielleicht war es gerade die Enge, die Vertrautheit die sie suchten. Man wollte sich wohl gar nicht richtig hinsetzen, sondern "mal eben auf die Kürze" zwischen zwei Straßenbahnen, ein Fläschchen trinken. Daß daraus zwei, drei oder sogar vier wurden, wer hätte das gedacht?




"Elkes Bude" Richard-Wagner / Magdeburger Str.

Das Aussehen der Seltersbude hat sich im laufe der Zeit gewandelt, eine Verkaufseinrichtung im "Mini-Formart" ist aus ihr geworden. Wenn die Supermärkte geschlossen haben, an der Seltersbude um die Ecke kann man noch bekommen, was man in der Hektik des Tages vergessen hat. , Milch, Eier, Brot sowie das Toilettenpapier, das Verkaufssortiment ist riesig und auf unsere Vergesslichkeit vorbereitet. Wenn andernorts die Geschäfte mittags und abends schließen ist eine Seltersbude immer noch geöffnet, bis 22 Uhr und das jeden Tag der Woche. Hier kann man noch einen kleinen Plausch halten, Sorgen loswerden oder auch einmal kräftig Luft ablassen. Die Seltersbuden scheinen in die Rolle der "Tante-Emma-Lädchen" geschlüpft zu sein. Auch ich könnte mir meine Zeitung im Supermark holen, aber auf dem Heimweg besorge ich sie mir viel lieber am Kiosk um die Ecke.


Quelle: Kioske im Ruhrgebiet von Heinrich Peuckmann. Wochenblatt vom 19. Juni 1991. Trinkhallen im Ruhrgebiet, Ausstellung vom Oktober 1995 im Josef-Albers-Museum Bottrop, Bild "Elkes Bude" aus dem Archiv der Wanne-Eickeler Jungs


   
  Wanne-Eickeler Jungs zeigen Wanne-Eickel